Obdachlosigkeit ist seit vielen Jahren ein weltweites Problem der modernen Gesellschaften. Mehr und mehr prägen die haus- und heimatlosen Menschen auch das Bild unserer Städte, doch die Wahrnehmung dieses Problems variiert von Mensch zu Mensch. Einige sind schockiert, andere angeekelt, mancher reagiert verwirrt und die meisten gleichgültig, selten jedoch ist der Umgang mit den Obdachlosen respektvoll. Die Kunst hat sich bisher diesem Problem nur selten angenommen, zu groß sind die Hemmschwellen und Ängste. Auch mangelnde Absatzmöglichkeiten für eine derart sozialkritische Kunst und die Gefahr des Vorwurfs der Beschönigung oder einer mangelnden Ästhetik sind sicherlich mit Schuld an dieser Situation. Diese Publikation, die anlässlich der Ausstellung ?Architektur der Obdachlosigkeit? zum 10-jährigen Jubiläum der Straßenzeitung BISS vom 1. bis 21. September in der Pinakothek der Moderne in München erscheint, zeigt die Arbeiten von sieben international renommierten Fotografen, die sich trotz aller Hindernisse auf dieses unsichere Terrain vorgewagt haben und welche künstlerischen Positionen sie zu dem Thema Obdachlosigkeit beziehen. Dabei haben Wolfgang Tillmanns, Ulrike Myrzik und Manfred Jarisch, sowie John Vink, Wolfgang Bellwinkel, Dayanita Singh und Boris Mikhailov sehr unterschiedliche Herangehensweisen entwickelt, die mit den verschiedenen Mitteln der Fotografie ganz unterschiedliche Aspekte der Obdachlosigkeit beleuchten. Das mag durchaus schockieren, wie bei Mikhailovs Serie, die Obdachlosigkeit als Krankheit der Gesellschaft entblößt, oder irritieren, weil die Matratzen von Wohnungslosen, wenn Bellwinkel sie fotografiert, seltsam ästhetisch anmuten oder anrühren, wenn der Betrachter Zeuge des aberwitzigen Versuches eines indischen Eunuchen wird, menschenwürdig auf einem Friedhof zu leben. Die hier zusammengetragenen Werke sind trotz der gemeinsamen Thematik so unterschiedlich und vielseitig, wie ihre Motive und die Künstler, die sie geschaffen haben. Hier zeigt sich, dass Kunst im 21. Jahrhundert nicht inhaltslos, selbstbezogen und unkritisch sein muss, sondern dass sie Meinungen transportieren kann und gesellschaftliche Relevanz hat. Dumont Literatur und Kunst Verlag, 2003, 112 S. mit zahlreichen farb. und einf. Abb., 30 x 24 cm, Gebundene Ausgabe