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Books / Kunst / Zeitschriften / du / du 762. Weltkarten. Eine Vermessenheit

du Verlag,  2005 / 2006, 

du 762. Weltkarten. Eine Vermessenheit

Ob die Erde uns noch lange ertragen wird, verrät sie uns nicht direkt. Wenn wir bisweilen den Eindruck haben, dass sie gegen uns aufbegehrt, so ist das als Konsequenz unserer schieren Masse, unserer örtlichen Zusammenrottung zu lesen – nicht aber als Anzeichen, dass sie selbst aus den Fugen geraten wäre. Sie bewegt und verhält sich noch immer so, wie sie es tat, als sich, nach Millionen von Jahren, der Mensch auf ihrer erkalteten Kruste umzusehen begann, mit nachhaltig katastrophalen Massnahmen der Verwertung seinen Fortschritt in Gang und sein vorläufiges Glück ins Werk setzte, seine Zivilisationen installierte und in Anmassung und Triumph auf die Gesetze der Natur zu hören vergass. Seit dem Erdbeben, das vor 250 Jahren Lissabon zerstörte, ist unsere Risikogesellschaft durch globale Vernetzung aller Aspekte von Arbeit, Freizeit und Information immer verletzlicher geworden. Während wir die Erdbeben noch nach geografischen Orten – Krakatau (1883), Bam (2003), Kaschmir (2005) – benennen, verhielt sich der Tsunami (2004) entschieden ungebärdiger, als jene Designer es für angemessen hielten, die einem Motorrad diesen Namen gaben, und die Hurrikane, Taifune und Zyklone jagen sich. Auf alles das, auf die Erdkruste und die Atmosphäre über ihr, blicken wir hinab dank dem unbestechlichen Auge des Satelliten. Torkeln als digitaler Ikarus dank GoogleEarth zurück auf den Boden. An den Schauplatz der jüngsten Katastrophe, die andere getroffen hat, oder auf einen selbstbestiegenen Gipfel, am liebsten aber an einen Ort, den wir riechen können wie den Garten draussen vor dem Fenster – oder wo wir schon sind: in das eigene Zimmer. Ergreift uns dort, vor der trügerischen Fläche des Bildschirms, vor der vermeintlichen Übersicht, die, wie das Bild der blauen Erdkugel, ausser dem Ganzen nicht viel zeigt, die Melancholie, finden wir Trost bei den Karten. Diese imitieren nicht, was wirklich ist, sondern interpretieren es; versammeln Unerhörtes und visualisieren Verborgenes. Sie geben dem Unwägbaren einen Rahmen, fassen es, ohne es zu begradigen. Wir sehen die Linie einer Strasse, wissen aber nicht, ob sie tatsächlich befahrbar ist. Karten ermöglichen Weltvorstellungen, sie verorten uns in Räumen und Zeiten. Auf Karten gehen wir nicht verloren. Und manchmal verführen sie uns mit ihrer Schönheit, die Welt so zu betrachten wie den Mond, zu dem wir schauen, weil er uns gefällt, nicht nur, um uns immerfort Gedanken darüber zu machen, wie er am Himmel hängt. Lust der Augen, Trost der Kartografie, Ernüchterung über den Zustand der Welt: Die Karten sollen Sie, liebe Leserinnen und Leser, auf der Reise ins Jahr 2006 begleiten, das dieser Zeitschrift ihren 65. Geburtstag bringen wird. Wir würden uns freuen, ihn mit Ihnen begehen zu dürfen. (Daniel Schwartz)Heft Nr. 11, Dezember/Januar 05/06Aus dem Inhalt:du 762 – Weltkarten. Eine Vermessenheit18 Anfang: «Wo stehen wir?»20 Fingerreisen. Conquistadoren der Fantasie. Von Daniel Kehlmann22 Pulsierende Welten, driftende Welten. Von Andreas Hirstein28 Der Planet. Ein begehbarer Erd- und Himmelsglobus. Von Heide Hollmer30 Anfängliche Welten. Von Daniel Schwartz32 Eingesehene Welten. Von Andreas Hirstein34 Geschichtete Welten. Von Lorenz Hurni36 Gehäufte Welten. Von Daniel Schwartz38 Übersehene Welten. Fotos von Antonin Kratochvil49 Landschaft im Sturzflug. Wie das Menschenauge sich den Blick der Götter und ihre Übersicht der irdischen Dinge erobert. Von Katarina Holländer54 Gedachte Welten, gelesene Welten. Von Carsten Stütz60 Zentrierte Welten. Von Ute Schneider64 Der Nabel der Welt. Ein Plädoyer für den Blick über die Grenzen von Vaterland und Muttersprache. Von Elmar Holenstein68 Warenstadt, Ölstadt, Schrumpfstadt. Von Markus Schaefer72 Umwege und Winkelzüge – die Schicksalskarte der Bücher. Ein Reisebericht aus den Zeitaltern und Weltgegenden der Literatur. Von Hugo Loetscher78 Erreichte, bereinigte, vernabelte Welten. Von Andreas Hirstein86 Die Wirklichkeit der Welt. Ein Glossar zur Kartografie. Von Carsten Stütz

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