Anselm Kiefer schuf im Auftrag der "Salzburg Foundation" ein vielschichtiges, hochrangiges Kunstwerk: im Furtwänglerpark, Salzburg, gegenüber den Festspielhäusern, steht ein einfaches Bauwerk, zehn Meter lang, sechseinhalb Meter breit und sieben Meter hoch. Im Inneren - Licht fällt von oben herein und auch durch die hohe Glastüre - befindet sich an der einen Wand ein monumentales Gemälde Kiefers, eines, das zur Serie seiner Urlandschaften gehört - zugleich suggeriert es mit seinen bedrohlichen Stacheldrahtauswüchsen auch eine Endzeit. Gegenüber steht eine monumentale Plastik, ein Büchergestell mit sechzig Folianten aus Blei. Ein Gewirr aus Dornenzweigen - korrespondierend mit dem Stacheldraht gegenüber - wächst aus dieser Bibliothek. Abends wird der Zugang durch metallene Türen geschlossen. Kiefer hat jedes Detail genau bedacht und das Ganze, bevor es in Salzburg verwirklicht wurde, auf seinem 35 Hektar großen Ateliergelände in Barjac in Frankreich im Originalmaßstab aufgebaut. Der Titel dieser "Gedenkstätte" ist A. E. I. O. U. Kiefer spielt damit nicht auf die von Kaiser Friedrich erstmals verwendete Buchstabenfolge an, die übrigens mehrfach gedeutet wird (Austriae est imperare orbi universo" oder "Austria erit in orbe ultima"), sondern darauf, dass sie schon vorher in der Kabbala vorkommt. Eine Empfehlung für österreichischen Imperialismus wird damit also keineswegs ausgesprochen, eher eine Empfehlung gegen jegliche Art von Imperialismus. In das Bild hat Kiefer ein Zitat aus dem Gedicht "Das Spiel ist aus" von Ingeborg Bachmann eingeschrieben. Darin ist von einem Zigeunerlager die Rede. Die Aura des Raums legt es nahe, an das Zigeunerlager in Salzburg während des Zweiten Weltkriegs zu denken, aus dem Leni Riefenstahl Statisten für ihren Film "Das blaue Licht" rekrutierte, bevor die Hälftlinge in einem KZ umgebracht wurden. Kiefers Konzept ist offen, aber doch nicht so offen, dass es beliebige Assoziationen zuließe. Mit Ingeborg Bachmann, deren Werk er, wie er in einem Gespräch sagte, sehr gut kennt, macht er eine Vorgabe und öffnet poetische Räume. Der Besucher, zwischen Wandbild und Plastik stehend, sieht sich unmittelbar dem Dialog zwischen beiden ausgesetzt und mit einbezogen. Das ist kein Kunstwerk, mit dem einer im Nu fertig wird, es wird gut sein, sich immer wieder mit ihm einzulassen. Pustet, 2003, 50 Seiten, Broschiert
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