Books / Grafik & Design / Produktdesign / Living in Motion. Design und Architektur für flexibles Wohnen
Flexibilität, Mobilität und Multifunktionalität waren schon immer wichtige Triebfedern für formale und technische Innovationen. Möbel oder Gebäude, die diesen Kriterien entsprechen, gelten seit jeher als wegweisend und modern. So gehörte es bereits zum zentralen Anliegen der Moderne, die häusliche Umgebung zu flexibilisieren, sei es durch ineinander übergehende, vielseitig nutzbare Räume oder mit Hilfe multifunktionaler Einrichtungen. Eines der bedeutendsten Beispiele hierfür ist Gerrit Rietvelds "Haus Schröder" mit seinen vielseitig nutzbaren Räumen und beweglichen Wänden von 1924/25. Doch nicht nur Gerrit Rietveld, sondern von Frank Lloyd Wright über Mies van der Rohe, Charles und Ray Eames, Jean Prouvé, Joe Colombo oder Achile Castiglioni bis zu Ron Arad, Rem Koolhas oder Shigeru Ban haben sich bis heute nahezu alle großen Gestalter mit diesem Thema befaßt. Das Streben nach Flexibilität im Wohnen bewegt die Menschen jedoch schon seit Alters her und ist keineswegs an einen bestimmten Kulturkreis gebunden: frühe europäische Treppenleitern, nordafrikanische Zelte oder südamerikanische Hängematten bieten anschauliche Zeugnisse. Die Ausstellung präsentiert spektakuläre Objekte wie eine echte usbekische Jurte aus den 1920er Jahren, eine transportable japanische Feuerstelle aus der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, Schlafmatten aus Malaysia und dem Südwest-Pazifik, einen verstellbaren Wandschirm aus China (ca. 1885) und viele andere. Seine enorme Aktualität hat das Thema jedoch durch die sich immer schneller verändernden Lebensumstände und technischen Möglichkeiten gewonnen. Heute suchen wir mehr denn je nach Wohnmöglichkeiten, die sich von festgelegten Abläufen und auch von vorgegebenen Standorten lösen, da sich Arbeits- und Privatleben immer weiter durchdringen und eine mobile und unabhängige Lebensgestaltung an Bedeutung gewinnt. Architekten und Designer versuchen, unsere Wohnwelt diesen neuen Anforderungen gemäß zu gestalten. Wichtige Beispiele hierfür sind Shigeru Bans "Naked House" (2000), dessen Zimmer sich aus dem Haus heraus rollen lassen, Steven Holls "Fukuoka Apartments" (1992), deren Raumsituation sich mittels Dreh- und Klappwänden vollständig verändern läßt, das drehbare Wohnmodul "Turn on Sushi" von awg_AllesWirdGut ( 2000) oder das transportable "NheW"-Haus der Gruppe OpenOffice / COPENHAGEN OFFICE (2000). Aber auch die Miniaturisierung elektronischer Bauteile eröffnet neue Möglichkeiten, durch die wir Teilbereiche unserer Wohnung überall hin mitnehmen können. So präsentierte der Hersteller CP Company jüngst Jacken, die sich in Zelte oder Sessel verwandeln lassen, und die Firma Philips arbeitet seit Jahren intensiv an der Integration von Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik in die Kleidung. Statt eines historischen oder geographischen Überblicks ist die Ausstellung in sechs Themenbereiche gegliedert, die die Exponate nach deren Funktionen oder Leistungen strukturieren: Transportieren, Montieren und Demontieren, Anpassen, Kombinieren, Falten und Entfalten sowie Tragen und Mitnehmen. Der Ausstellungskatalog, der das interdisziplinär angelegte Projekt mit 272 Seiten und über 300 vorwiegend farbigen Abbildungen begleitet, umfaßt u. a. Beiträge von Dr. Robert Kronenburg, Mathias Schwartz-Clauss M. A., Dr. Annemarie Seiler-Baldinger sowie Dr. Stephan Rammler. Dabei werden die wesentlichen Entwicklungen transportabler und anpassungsfähiger Architektur und deren Einrichtungen im 20. Jahrhundert sowie in außereuropäischen Kulturen untersucht und Ursachen und Auswirkungen eines bewegten Wohnens aus soziologischer und psychologischer Sicht beleuchtet.(Text Vitra Design Museum Berlin zur Ausstellung vom 28. September 2002 - 12. Januar 2003)
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