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Books / Architektur / Geschichte & Theorie / Deutsche Architektur seit 1900

DVA,  2005,  Gebunden,  592 Seiten, 850 schwarz-weiß und 850 farbige Abbildungen - 27,00 x 22,00 cm
Pehnt, Wolfgang

Deutsche Architektur seit 1900

Architektur des 20. Jahrhunderts Baugeschichte in Deutschland ist ein widerspruchsvolles Thema, wie die deutsche Geschichte überhaupt. Das Land hat Pioniere der Architekturmoderne, etwa Walter Gropius, Ludwig Mies von der Rohe und Erich Mendelsohn, hervorgebracht, aber sie auch ins Exil getrieben. Dekaden waren vom Streit zwischen denen geprägt, die das Neue anstrebten, und denen, die das Alte bewahren wollten und Zweifel an den Glücksversprechen der neuen Zeit hatten. Die Architektur hat die Nähe zur Macht gesucht, des Kapitals wie der Diktatur. Doch sie hat auch der Demokratie ihre Häuser gebaut: der Weimarer Republik, der Bundesrepublik. Von diesem widersprüchlichen Gang der Dinge erzählt das Buch. Wer sich heute an eine Darstellung von über hundert Jahren Architektur wagt, vom Glanz und Elend der Kaiserzeit bis zum Pluralismus der globalisierten Gegenwart, müßte eine Enzyklopädie verfassen. Oder er muß, wie es hier geschieht, auswählen, konzentrieren, zusammenfassen, plausible Handlungsstränge finden, mit dem sprechenden Detail arbeiten. So entsteht ein spannendes Buch, das sich nicht nur an den Kenner wendet, sondern auch Leser erreicht, denen jenseits des Spezialistentums gebaute Geschichte und Gegenwart am Herzen liegen. Zugleich erleichtern umfassendes Literaturverzeichnis, Zeittabelle und biografischer Anhang die weitere Beschäftigung mit dem Thema.
(Verlagstext)

Binnen eines halben Jahres war die erste Auflage dieses Buches vergriffen. Keine überregionale Tages- und Wochenpresse, keine Fachpresse säumte, den stattlichen Band in welcher Weise auch immer zu würdigen – nun ist es Zeit für eine der ersten Revisionen. Einhellig wurde die sprachliche, erzählerische Gabe des Autors anerkannt, sogar bewundert – und damit muss hervor gehoben werden, dass Wolfgang Pehnt eine der wichtigsten Hürden genommen hat, hinter denen ein breites, an Architektur interessiertes Publikum überhaupt erreicht werden kann: die Sprache. Für diese breite Gruppe der Interessierten, die der Fachwelt in den letzten Jahrzehnten schlichtweg abhanden gekommen ist, hat Pehnt den Rückblick in das zwanzigste Jahrhundert geschrieben, ohne dass die Akkuraten unter den Architekturhistorikern hätten brüskiert sein sollen. Winfried Nerdinger, Architekturprofessor an der TU München, warf Pehnt in der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" vom 19. Januar 2006 allerdings allerlei Ungenauigkeiten und Fehlschlüsse vor, die mit strukturellen Fehlern den Wert des Buches ins Plauderhafte degradieren und damit als Ganzes in Frage stellen sollten – "adäquat" sei deutsche Architektur hier nicht behandelt. Aber was ist nun "adäquat"? Vorlesungen Julius Poseners, die Nerdinger statt Pehnt empfiehlt, erreichen ein breites Publikum definitiv nicht. Nerdingers Kritik zielte dennoch in eine wichtige Richtung: "Große Würfe" wie das Unterfangen, eine gut lesbare, breite Schichten der Gesellschaft erreichende Architekturgeschichte des zwanzigsten Jahrhundert schreiben zu wollen, können nie gelingen, sondern besitzen wie alle Geschichtsentwürfe Thesencharakter, der zum Ergänzen und Widersprechen reizen muss. Nach dem Motto: Wer nicht wagt, gewinnt nicht. Andererseits: Wer nicht wagt, verliert zumindest nicht viel und gewinnt auf keinen Fall.
Pehnts Buch zeichnet aus, dass Architekturgeschichte in einer sehr stark zeit- und gesellschaftsgeschichtlichen Dimension präsentiert wird. Weder Stilkritik noch Repetition des vielfältig Bekannten genügen dem Autor, um ein Panorama der deutschen Architektur in einer "umwälzenden Zeit" – so darf man das Jahrhundert mit zwei Weltkriegen wohl nennen – zu skizzieren. Bauen in Deutschland ist von Beginn des Jahrhunderts an - und eigentlich schon viel früher - international, durfte man also überhaupt von einer "deutschen Architekturgeschichte" reden? Wenn man verfolgt, auf welch' dümmliche Weise das "Nationale", sogar das "Regionale" von konservativen, populistischen deutschen Architekten derzeit aus der Mottenkiste geholt wird, zeigt sich, dass "Architektur in Deutschland" ein segenreicher Titel gewesen wäre.
Bemängeln ließe sich bei Pehnt auch, dass nahezu alles Ungebaute fehlt. Dass die Kommerzialisierung des Bauens immer mal wieder mit einem kleinen Seitenhieb, aber kaum als strukturelles Übel benannt ist. Dass Verkehrsentwicklung und Landschaftszerstörung – kurz: die Ursachen verheerender Fehlentwicklungen so glatt gebügelt werden wie die zahlreichen Meisterwerke. Und schließlich: Dass die Bildqualität des Buchs genauso zu wünschen übrig lässt wie das Layout. Doch soll damit das Verdienst Wolfgang Pehnts nicht geschmälert werden: An seinem Buch werden sich alle weiteren Versuche, ein Jahrhundert Architektur in Deutschland auf fast sechshundert Seiten gut lesbar aufzurollen, messen lassen müssen.
Ursula Baus

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