Books / Architektur / Geschichte & Theorie / Architekturen des Augenblicks
Raum-Bilder und Bild-Räume einer urbanen Moderne in Literatur, Kunst und Architektur des 20. Jahrhunderts Wird die technische Stadt des 20. Jahrhunderts vor allem bestimmt durch die Vorherrschaft des Sehens und der Sichtbarkeit, durch die Hegemonie raum-zeitlicher Ordnungen? Reden ihre uniformen Räume zu uns allein im visuellen Vokabular funktionaler Neutralität, während partizipatorische, involvierte Erfahrungsweisen der nächsten Umwelt verschwinden? Worin bestehen ihre Identität als ein Ort, ihre konkreten und symbolischen Konstruktionen des Raumes, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis? Oder ist sie zum überall gleichen, uniform ausgestatteten Transitraum, zum Nicht-Ort einer Übermoderne geworden?Der Autor greift solche Fragen auf, indem er an die Anfänge der urbanen Moderne im 20. Jahrhundert, an die Epochenschwelle von 1910, zurückgeht und sie an die Bildende Kunst, die Literatur, die Architektur- und Kulturtheorie seit dem frühen italienischen Futurismus richtet. In ihren Beiträgen: in den Texten der großen Stadtromane von Franz Kafka, James Joyce und Robert Musil, in den Bildern, den architektonischen Entwürfen und urbanistischen Modellen sucht er die Figurationen der Sinnlichkeit der Stadt, die Intensität und die Formen ihrer Aneignung und zugleich die Erfindung neuer Räume und residualer Orte auf. Indem die Analyse Formkategorien wie gegenseitige Durchdringung, Transparenz, Öffnung der Figur, Ansichtenmannigfaltigkeit, die sich vor allem in der Wahrnehmung, der Ästhetik der urbanen Räume herausgebildet haben, rekonstruiert und diskutiert, kann sie zeigen, daß es bei all diesen scheinbar nur ästhetischen Fragen, vom Futurismus bis zu Robert Musil, um eine grundlegende geht, die nach den Lebensformen und den Lebensmöglichkeiten in der urbanen Moderne - um ihr kulturelles Selbstverständnis, um Selbstbemächtigung und Selbstverlust, um Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner. Der neue Blickwinkel dieses Buches besteht darin, daß es die Grenzen der Disziplinen überschreitet, Texte, Bilder, Konzepte umbauten Raums in dialogische Beziehungen miteinander bringt, wie sie so noch nicht ansichtig geworden sind: immersive Bildräume des frühen Futurismus mit den literarischen Angst- und Macht-Räumen in Franz Kafkas Verschollenen, rein funktionalistische Raumkonzepte mit surrealistischen Raumbildern (Le Corbusier und Benjamin), die polyperspektivischen, mehrsinnigen Formsprachen des Kubismus und der Metamorphose mit den Bild-Räumen und von städtischer Konstruktion erfüllten Figuren in Joyce' Ulysses, die essayistischen Raumerfindungen der modernen Oberfläche in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften mit den Schatten, die die Nicht-Orte der Übermoderne vorauswerfen. So wird gegen die einansichtige, monofokale Zurichtung eines von optischer Logik dominierten mainstream-Modernismus, wie sie der Poststrukturalismus in der Nachfolge Heideggers veranstaltet hat, Bild und Text einer pluralen, vielstimmigen, mehrsinnigen Moderne wieder kenntlich gemacht, um ihre unabgegoltenen Probleme in unserer Gegenwart zum Sprechen zu bringen. "Wieder einmal blieb es einem kleinen (.) Verlag vorbehalten, ein anspruchsvolles und umfangreiches Buch über Film (Wim Wenders Lisbon Story) und Kunstgeschichte (Aby Warburg), Philosophie (Martin Heidegger) und italienischem Futurismus (Umberto Boccioni u. a.), über Kulturtheorie (Walter Benjamin), Architektur (Le Corbusier und Siegfried Giedion) und Literatur (Kafka, Joyces Ulysses und Musils Mann ohne Eigenschaften) herauszubringen. Architekturen des Augenblick (der Titel geht auf einen Gemeinschaftsartikel der Fotografin Germaine Krull und Franz Hessel in der Beilage der Frankfurter Zeitung zurück) ist ein durch und durch gelehrtes Buch - und in der konsequenten Überschreitung bzw. Ignorierung obsolet gewordener Fachgrenzen ganz auf der Höhe, nein: nicht der Zeit, sondern vielmehr seines Themas: der "Hegemonie des Sehens, der visuellen Wahrnehmung" in der Moderne. Im Zentrum einer Untersuchung der Raum-Bilder und Bild-Räume in der urbanen Moderne stehen Fragen nach "den Formen und Intensitäten der Aneignung der neuen (.) technischen Stadt, steht die Frage nach den Lebensformen und Lebensmöglichkeiten (.), nach Selbstbemächtigung und Selbstverlust, nach Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner.(.) Worin besteht ihre konkrete und symbolische Identität als Ort, ihr soziales und kulturelles Gedächtnis? Ist sie nurmehr Transitraum, Nicht-Ort (.) einer Übermoderne?" Das sind Themen, die eben nur auf den ersten Blick rein ästhetische Probleme berühren. Ein vielseitiges Literaturverzeichnis vermittelt eine Ahnung von der ganzen Belesenheit des Verf., die freilich der Originalität seiner Gedanken keinen Abbruch tut. Das Werk ist gewiß nicht leicht zu "konsumieren", aber wer sich durch die gut 560 S. hindurchliest, wird reichen Gewinn für sich davontragen." (Momme Brodersen In: Germanistik. Band 43 (2002) Heft 3/4)''Wie die Analysen von Bollenbeck und auch die Untersuchungen Zeev Sternheils (zur Genese des Faschismus in Frankreich und Italien) versucht auch dieser Band, die Moderne, insbesondere die moderne Stadt, ihre Entwicklungen und Fehlentwicklungen (zu ?Nicht-Orten"?) verstehbarer zu machen, ihre Ursprünge und Wandlungen aufzudecken anhand von Filmanalyse (Wim Wenders), Reflexion der (Groß-)Stadtentwicklung (Döblin), philosophischer Reaktionen (Heidegger), Literatur (Kafka), Architektur (Le Corbusier und Ozenfant, Siegfried Giedon), Kulturtheorie (Benjamins ?Passagen"), Roman (James Joyce ?Ulysses" und Musils ?Mann ohne Eigenschaften"). Im Vordergrund steht die Frage ?nach den Formen und Intensitäten der Aneignung der urbanen Räume, der technischen Stadt,. nach den Lebensformen und Lebensmöglichkeiten in der urbanen Moderne, nach Selbstbemächtigung und Selbstverlust, nach Heimisch-Werden, Verortung und Atopie ihrer Bewohner." Kenntlich gemacht wird eine plurale, vielstimmige und mehrsinnige Moderne; zum Sprechen gebracht werden ihre unabgegoltenen Probleme und Träume- ein Rhizom, das sich jeglicher binären Erklärungen entziehen muß. Die Lektüre von Brüggemanns sensiblen (Diskurs-)Analysen lohnt die Mühe, auch wenn sie manchmal ungeduldig macht: Die analysierten Texte werfen ihre Schatten überdeutlich voraus. Doch der Analytiker verzichtet (zu sehr) darauf, diese Schatten deutlich beim Namen zu nennen.'' (Prof. Siefried Jäger in: DISS-Journal. Zeitung des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung. 10, 2003)Offizin, 2002, 580 Seiten, Gebundene Ausgabe
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