Books / Aktuell / Archivierte Empfehlungen / Structure as Space. Engineering and Architecture in the Works of Jürg Conzett and His Partners
In zwei einleitenden Aufsätzen, anschließenden Projekteerläuterungen und Aufsätzen von Jürg Conzett selbst wird versucht, der Eigenart des Büros Conzett Bronzini Gartmann auf die Spur zu kommen. Mohsen Mostafavi beschreibt Jürg Conzett zunächst als einzigartiges Zwitterwesen zwischen Architekt und Ingenieur – schließlich begann Conzett nach dem Ingenieurbaustudium seine praktische Arbeit ausgerechnet im Büro des Architekten Peter Zumthor. Mostafavi weist andererseits auf Conzetts Verankerung in der Schweizer Bauingenieurtradition. Seit 1855 wird die Ingenieurausbildung an der ETH eingeführt, Schwerpunkt ist hier die grafische Statik, während in Deutschland die mathematische favorisiert wird. Die grafische, anschauliche Statik ist ein Steckenpferd von Jürg Conzett, der sich zu jeder Bauaufgabe gern eine dem Ort, der Landschaft angemessene, Raum bildende Tragwerkslösung ausdenkt. Dabei das Wissen und die Erfahrung der Vorfahren zu nutzen, ist für ihn selbstverständlich.
Bruno Reichlin widmet sich in seinem Beitrag der "Schönheit der Berechnung". Von den Debatten ausgehend, die um Behrens Turbinenhalle geführt wurden, nähert sich Reichlin der Polarität Architekt - Ingenieur, Baukunst - Ingenieurwissenschaft. Er streift Corbusiers Abgrenzung (rechnender) Ingenieur - (kreativer) Konstrukteur, um die gegenwärtige Skepsis zu erklären, dass es den Ingenieuren an Ausdruckskonzepten mangele. Hervorragende Ingenieure der Gegenwart, so Reichlin, eint allerdings das Interesse an der Ingenieurbaugeschichte, die über eine unerschöpfliche Vielfalt an "sprechenden" Lösungsansätzen verfügt. Conzetts Tragwerkskonzepte – entwickele er sie nun mit Architekten zusammen oder auch nicht – seien "ikonoklastisch in dem Sinne, dass er auf Bilder verzichtet". Es kommt Conzett gar nicht darauf an, das Tragwerk auf Teufel-komm-raus sichtbar von Raum bildenden Hüllen zu trennen – im Gegenteil: Erst wenn Tragwerk und Aufgabe, Tragwerk und Ort und Tragwerk und Ausdruck irgendwie eins werden, kann das Ergebnis zufrieden stellen.
Gleichgültig, ob Bauten im eigenen Büro oder mit Architekten – z. B. Caminada, Zumthor, Meili + Peter, smarch und vielen anderen – entwickelt werden: Sie sind in hohem Maße unterschiedlich, und es zeichnet sie aus, dass die Tragwerkslösungen generell nicht wiederholt werden, aber nie in ihrer Einzigartigkeit ins Spektakuläre gedrängt sind. Brücken kommen mal als Seilkonstruktion, mal als Sprengwerk, mal als Hängeband, mal in Holz, mal in Granit, mal in Materialkombinationen vor. Häuser können mal aus Betonplatten, mal als Strickbauten aus Holz bestehen – von der Vielfalt der Dachtragwerke ganz zu schweigen. Eine wesentliche Quelle für jeden Ingenieur benennt Conzett – Sohn eines Vermessungsingenieurs – im Zusammenhang damit, wie er mit den Kartenwerken Eduard Imhofs die "Landschaft" sehen lernte: das Aufnehmen. Der Ingenieur muss die Baugeschichte kennen und das bewusste, erkennende Hinsehen ohne Ende üben.
Zum Pragmatischen: Der Schweizer Ingenieur Jürg Conzett ist zwar weltweit, aber doch vor allem im deutschsprachigen Raum bekannt. So ist es a priori zu bedauern, dass die Gelegenheit für diese erste Werkmonografie von allen schweizer, überhaupt von allen deutschsprachigen Verlagen verpasst wurde – und nun die AA in London die Buchnase vorn hat. Zwar sind die Texte in dem opulent großen Buch in Englisch und Deutsch zu lesen, aber das Deutsche ist ans Buchende mit dem Nebeneffekt verbannt, dass es nicht mehr im Zusammenhang mit Abbildungen zu lesen ist und Anmerkungen beispielsweise hier und da flöten gingen – schade. Eine Chronologie zur Genese des Büros mit biografisch Wissenswertem zu Conzett und seinen Partnern fehlt leider, und während der Lauftext in riesigen Lettern daherkommt, sind manche Pläne ohne Not so klein geraten, dass man die Lupe zu Hilfe nehmen muss. Das sind Marginalien zu einem Buch, das man immer wieder gern in die Hand nimmt, um sich auf die an- und aufregende Welt des Konstruierens einzulassen.
Ursula Baus
Warenkorb ansehen